MOSES MENDELSSOHN STIFTUNG

Fachtagung Provenienzforschung

Das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur (BLM) organisiert vom 31. August bis zum 1. September 2026 eine wissenschaftliche Tagung in Halberstadt mit dem Thema „Provenienz jüdischer Objekte erforschen und vermitteln“.

Die Tagung soll sich aktuellen methodischen und theoretischen Fragen der Provenienzforschung zu NS-verfolgungsbedingt entzogenen Objekten widmen, insbesondere zu Objekten mit Verdachtsmoment auf Entzug von jüdischen Eigentümer:innen, wie beispielsweise Judaica oder jüdische Alltagsgegenstände inklusive Bücher. Darüber hinaus soll ein Austausch darüber stattfinden, wie komplexe Objektbiografien und Provenienzforschung insgesamt in Museen und Sammlungen auf kreative Art und Weise an unterschiedliche Öffentlichkeiten vermittelt werden kann.

Tagungsprogramm

Tagungsprogramm zum Download

Workshop I:

Unter die Lupe genommen.
Spuren jüdischer materieller Kultur in der Provenienzforschung

Mit Dinah Ehrenfreund-Michler, M.A., Kuratorin, Jüdisches Museum Hohenems, Österreich

Im Workshop sollen das Erkennen und Benennen von Judaica-Objekten, aber vor allem auch ein kritisches Hinterfragen dieser Zuschreibungen an praktischen Beispielen geübt werden. Wozu werden die Dinge verwendet und wie werden sie benannt? Wo können Vergleichstücke recherchiert werden? Welche Problemfelder tun sich dabei auf?

Wie und wann kommen Dinge in Sammlungen, welche Wege legen sie zurück und wer bestimmt, was als jüdisch gilt? Welche Spuren lassen sich ablesen und was verraten verdeckte Spuren? Gibt es gefälschte Judaica-Objekte und wie können diese erkannt werden?

Der Workshop richtet sich an Provenienzforscher:innen, Vermittler:innen und ein an der Reflexion über gesammelte jüdische Objektkultur interessiertes Publikum.

Workshop II:

Den Namen der jüdischen Besitzer habe ich übrigens nie erfahren“ – Provenienzforschung zu Schenkungen aus Privathaushalten

Mit Elisabeth Weber, M.A., Wiss. Mitarbeiterin Provenienzforschung, Jüdisches Museum Berlin

Dem Jüdischen Museum Berlin werden regelmäßig Objekte angeboten, bei denen die Anbieter*innen wissen oder durch in der Familie tradierte Anspielungen vermuten, dass sie aus dem Eigentum jüdischer Familien stammen, die während der NS-Zeit verfolgt wurden. Die Gegenstände wurden entweder bei Haushaltsversteigerungen gekauft, dienten als Gegenleistung für Lebensmittel, wurden für jüdische Freund*innen angesichts der drohenden Deportation aufbewahrt oder in Wohnungen vorgefunden, aus denen zuvor jüdische Familien deportiert worden waren.

Dabei handelt es sich um ein breites Spektrum an Gegenständen: Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen ebenso wie Gegenstände des religiösen Gebrauchs, Alltagsgegenstände, Bücher und Archivalien. Das JMB sammelt solche Objekte nicht systematisch, hat sie jedoch in Ausnahmefällen als Dokumente der Verfolgung, der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit oder als Erinnerungen an die Verfolgten und Ermordeten angenommen.

Im Workshop werden anhand ausgewählter Beispiele typische Fallkonstellationen aus der Recherchepraxis vorgestellt: Was lässt sich herausfinden, wenn nur eine Adresse oder sogar nur ein Ortsname bekannt ist? Vorgestellt werden Datenbanken und Archivquellen, die helfen können, solchen Hinweisen nachzugehen. Dabei wird auch thematisiert, wie mit Recherchen umzugehen ist, die hinsichtlich der Identifizierung ursprünglicher Eigentümer*innen ergebnislos bleiben, und welchen Erkenntnisgewinn sie dennoch haben können: Sie ermöglichen Einblicke in die Lebensrealitäten jüdischer Menschen unter dem Druck nationalsozialistischer Verfolgung, in lokale historische Zusammenhänge sowie vor allem in die sich im Laufe der Jahrzehnte wandelnden Formen gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust.

Teilnehmende sind eingeladen, eigene Beispiele und Objekte mitzubringen.

Workshop III:

Kunst, Raub und Rückgabe – Vergessene Lebensgeschichten: Provenienzforschung, Restitution und Vermittlung

Mit Dr. Anke Lünsmann, Pauline Kerber, Lisa Hell

In dem Projekt „Kunst, Raub und Rückgabe – Vergessene Lebensgeschichten“ werden Biografien jüdischer Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt und beraubt wurden, sichtbar gemacht. Ausgehend von Provenienzforschung und Restitutionsfällen der beteiligten Kultureinrichtungen werden Objekt- und Lebensgeschichten in ihrer Verflochtenheit vermittelt. In diesem Rahmen sind eine Website und eine Reihe von Kurzfilmen entstanden. Aktuell werden analoge Vermittlungsformate für Jugendliche entwickelt, die historische, politische und kulturelle Bildung verbinden. In verschiedenen Netzwerkveranstaltungen für Akteur:innen aus Museen, Sammlungen, Archiven, Vermittlung und Forschung werden außerdem zeitgemäße Bildungsangebote erkundet und interdisziplinär reflektiert.

In dem Workshop geben wir Einblicke und stellen verschiedene Methoden vor, die im Rahmen des Projekts entstanden sind und erprobt werden. Wir möchten über Vermittlungsziele, Potenziale und Grenzen reflektieren und in den Austausch kommen: Wie können Restitution und die damit verbundenen Geschichten erfahrbar gemacht werden? Welche Möglichkeiten gibt es an der Schnittstelle von Provenienzforschung und Vermittlung in der Arbeitspraxis der Teilnehmenden?

Das Projekt wird gefördert von:

Tagung “Provenienz jüdischer Objekte erforschen und vermitteln“
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